Mit durchschnittlich 10,9 Punkten, 2,3 Rebounds und 3,8 Assists ist Heiko Schaffartzik der aktuell beste deutsche Aufbauspieler der Liga. wknD hat den Nationalspieler vor dem Spiel der Braunschweiger in Bonn getroffen und mit ihm über die Phantoms Braunschweig, seine alte Basketballheimat Gießen, seine Zukunft, die Nationalmannschaft und die Quote gesprochen.
wknD: Heiko, Eure Saison gleicht bisher einer ziemlichen Berg- und Talfahrt. Am Anfang der Saison habt Ihr die ersten fünf Spiele gewonnen. Dann gab es eine Phase, in der bei Euch viel zusammen lief und Ihr kaum mehr ein Spiel gewonnen habt. Aktuell habt Ihr acht der letzten neun Spiele gewonnen. Wie sind diese Schwankungen zu erklären?
Heiko Schaffartzik: Nun, am Anfang hatten wir eine ziemlich klare Hierarchie innerhalb der Mannschaft. Dadurch, dass wir am Anfang der Saison so oft gewonnen haben, sind wir ein bisschen davon weg gekommen. Ich glaube, persönliche Interessen sind hier und da dann ein wenig mehr in den Vordergrund getreten. Der Wille zum Sieg und der Erfolg der Mannschaft sind manchmal an die zweite Stelle getreten. Irgendwann haben wir den Schalter wieder umgelegt, vor allem im Training. Wir haben dann viel aggressiver und intensiver trainiert. Und dann kam Marcus Goree. Das war ganz wichtig für uns. Nicht nur weil er offensichtlich ein sehr guter Spieler ist, sondern auch weil er ein Leader ist und einen richtig guten Job macht als Schnittstelle zwischen den Deutschen und den Amerikanern. Wir sind zwar immer noch acht Amerikaner und nur vier Deutsche, aber irgendeinen Spieler braucht man, der von Seiten der Amerikaner mit trägt, das ist halt Marcus Goree und das hat uns sehr gut getan.
Nun werden Eure Verletzten auch bald wieder auf das Spielfeld zurückkehren. Allerdings habt Ihr mit Bonn (A), dem MBC (H), Berlin (H), Bamberg (A), Hagen (H) und Frankfurt (A) ein schweres Restprogramm. In der Tabelle ist sowohl nach unten als auch nach oben einiges möglich. Was ist Euch in dieser Saison noch zuzutrauen?
Wir wollen in die Playoffs kommen. Ob es am Ende reicht oder nicht, das hängt von uns ab. Wir sind jetzt in einer Position, dass wir das aus eigener Kraft schaffen können. Was letztendlich passieren wird ist offen. Man kann nicht in die Zukunft gucken.
Natürlich hängt die Zufriedenheit eines Spielers auch immer mit dem Erfolg seiner Mannschaft zusammen. Vor der Saison hast du einen Zweijahresvertrag unterzeichnet und betont, dass Dich das Konzept der Braunschweiger überzeugt hat. Allerdings hast Du in den letzten Jahren sehr häufig den Verein gewechselt. Hast Du nun in Braunschweig, was Basketball betrifft, Deine Heimat gefunden oder wirst Du in näherer Zukunft womöglich doch zu einem absoluten Top-Verein wechseln?
Mir gefällt es sehr gut in Braunschweig. Ich fühle mich hier sehr wohl und es passt auch alles, das Umfeld, die Trainingsbedingungen usw., aber wie gesagt, man kann nicht in die Zukunft sehen. Man weiß nie was so passiert, deswegen ist das schwer zu sagen.
Du möchtest ja gerne einmal im Ausland leben, auch um Deine Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern. Wie interessant sind für Dich Engagements bei europäischen Topvereinen im Ausland, wie z.B. in Spanien oder Israel, auch in Hinblick darauf einmal in der Euroleague spielen zu können, was ja ein großes Ziel von Dir ist?
Ja, in Israel zu spielen wäre natürlich etwas ganz besonderes, denn ich glaube in Israel hat noch kein Deutscher gespielt und auch aufgrund der Geschichte. Das wäre natürlich wirklich sensationell, wenn das irgendwie und irgendwann klappen könnte und zwar nicht nur aus sportlichen Gründen sondern auch weil es zeigen würde, dass der Sport helfen kann, Leute wieder näher zusammenzubringen. Dagegen ist das mit Spanien so eine Sache. Natürlich würde ich dort gerne spielen, aber ich glaube, nur in einer Situation in der es Sinn machen würde. Ich würde jetzt nicht einfach jedes Angebot annehmen und sagen: Okay damit ich jetzt in der ACB bin, gehe ich jetzt dahin und spiele dort, denn ich glaube, da kann man sich auch ganz schön ins eigene Fleische schneiden.
Nun hast Du kürzlich gegen Deine alte Mannschaft aus Gießen gespielt und warst mit einer Saisonbestleistung von 21 Punkten beim knappen Sieg an alter Wirkungsstätte sehr gut drauf. War das ein besonderes Spiel für Dich?
Nein, eigentlich nicht. Es war ein sehr wichtiges Spiel für uns zu diesem Zeitpunkt. Wir hatten gerade fünf Spiele in Folge gewonnen, aber in Gießen zu spielen ist immer schwer. Ich glaube, Alba hat dort erst nach Verlängerung gewonnen, Oldenburg hat dort verloren und Artland auch. Das heißt, für uns war das einfach ein gewisser Test, aber für mich persönlich war es kein besonderes Spiel. Ich habe ein gutes Verhältnis zu den Fans und auch zu Vladi (Vladimir Bogojevic), aber ansonsten war es nicht so, als hätte ich gegen meine alte Mannschaft gespielt. Die wurden ja alle ausgetauscht, mehr oder weniger.
Dennoch hast Du zu einigen Spielern in Gießen wie z.B. zu Johannes Lischka oder Jannik Freese weiterhin Kontakt. Nach gutem Saisonbeginn, inklusive starker Leistungen, bekommen sie kaum noch Spielzeit. Wie beurteilst Du die Situation der beiden?
Es ist eben schwer. Ich meine, man wusste am Anfang der Saison vielleicht nicht, dass es so kommen würde. Gießen steht jetzt mit dem Rücken zur Wand und muss halt einfach gewinnen. Also Vladi steht in der Pflicht, nicht noch einmal abzusteigen und in so einer Situation muss man halt schauen, ob man einem Veteranen wie Mo Jeffers jetzt eher Vertrauen schenkt, oder einem Youngster wie Johannes Lischka. Ich meine, da würde wahrscheinlich fast jeder Trainer eher auf Mo Jeffers setzen. Dann haben sie Elvir Ovcina bekommen, was sensationell ist für Gießen, aber das ist leider Gottes genau die Position von Jannik Freese. Man kann argumentieren, was soll Vladi denn großartig machen, er hat jetzt diese beiden Spieler in seinem Kader und kann nicht absteigen. Er tut jetzt alles um nicht abzusteigen, also spielen die Deutschen ein bisschen weniger. Das ist für die Deutschen schwer zu verstehen, ich kann das gut nachvollziehen, aber so ist das nun einmal im Profigeschäft. Das gehört dazu.
Neben Gießen besteht auch in anderen Mannschaften der Liga das Problem, dass deutsche Spieler relativ wenig Spielzeit bekommen. Aktuell liegt die Einsatzzeit deutscher Spieler in der BBL bei 18,5%. Muss die Quotenregelung in der nächsten Zeit weiter modifiziert werden?
Bevor wir heute zum Training gegangen sind, konnten wir uns das wunderschöne Spiel Trier gegen Tübingen im Fernsehen anschauen. Das Niveau war, ohne einer Mannschaft zu nahe treten zu wollen, wirklich erbärmlich. Ich glaube, das werden die mir auch nicht übel nehmen wenn ich sage, das war wirklich ein richtig schlechtes Spiel. Tut mir leid! Außerdem möchte ich dazu sagen: Es war kein einziger Deutscher irgendwo zu sehen. Ich weiß nicht ob Jay Thomas gespielt hat oder nicht, ich habe ihn jedenfalls nicht gesehen. Dann ging man in die Auszeit und hörte beide Trainer nur Englisch reden. Angenommen, da ist jetzt jemand, der sich einmal ein Basketballspiel im Fernsehen angucken möchte, denn er hat gehört das soll toll sein. Der sieht nur Ausländer auf dem Feld, hört niemanden der Deutsch spricht und auch die Trainer sprechen nur Englisch. Der schaltet sofort wieder ab. Schon alleine aus diesem Grund würde ich die Quotenregelung verbessern, also dass es schneller zu einer 6 und 6 Regel kommt oder, dass zumindest ein Deutscher immer auf dem Feld stehen muss. Die BBL hat ein Produkt, das sie verkaufen will und das wird so nicht gehen, da muss einfach etwas passieren. Als die Spiele im Fernsehen übertragen wurden, war in den Pausen nur Werbung für Direct Shop 24 oder irgend so eine unbedeutende Schlager CD zu sehen. Warum? Weil kein namhaftes Unternehmen während dieser Spiele Werbezeit kaufen will. Weil die BBL kein attraktives Produkt hat. Das ist eine Sache die, neben vielen anderen, verbessert werden muss. Allein aus diesem Grund würde ich die Quotenregelung voran treiben, unabhängig davon ob es jetzt etwas für den deutschen Basketball bringt oder nicht. Wenn ein Spiel spannend ist, dann schauen die Leute zu und merken nicht, ob das Niveau so viel besser oder so viel schlechter ist. Die Leute möchten sich identifizieren können: Das ist der soundso und der kommt aus der Region soundso und dann guckt einer und sagt: Ja, der kommt aus meiner Region, mal sehen was der so drauf hat. Ich schaue mir jetzt ein bisschen Basketball an, anstatt: Das ist John Smith und der spielt gegen Jake Johnson und wer ist das überhaupt? Das ist meine Meinung über die Quotenregelung.
Welche Regelung wäre Deiner Meinung nach optimal, um in Deutschland eine optimale Nachwuchsförderung zu garantieren?
Ich würde mich an anderen Ligen orientieren, die erfolgreicher und besser sind als die deutsche Liga, also die spanische oder italienische. Ich glaube, da ist die Regelung 6 und 6, ebenso wie in Griechenland. 6 und 6. So einfach ist das.
Das Problem der mangelnden Spielzeit besteht bei Dir ja nicht. Mit knapp 32 Minuten Einsatzzeit bist du sogar der einzige deutsche Spieler in der BBL, der länger als 30 Minuten pro Partie auf dem Feld steht. Seit der Spielzeit 2007/08 gehört Du zu den besten deutschen Spielern der Liga. Warst Du ein wenig überrascht, dass Dich Dirk Bauermann erst im Sommer 2009 für die Nationalmannschaft nominiert hat?
Nein. Ich glaube, dass ich nicht schon vorher eingeladen worden bin in der Nationalmannschaft zu spielen, hatte mit der Qualität meines Spiels zu tun, aber vielleicht auch mit meinem Ruf abseits des Feldes. Dirk Bauermann wird die eine oder andere schlechte Sache über mich gehört haben. Dann gab es auch damals diesen Fall in Gießen 2005 und ich glaube, das hat alles so ein bisschen dazu beigetragen. Dirk Bauermann setzt sehr stark darauf, dass das Teamgefüge stimmt und dass alle an einem Strang ziehen und zusammen spielen. Wenn er dachte, da kommt jetzt so ein komischer Berliner, der nur Faxen macht, dann kann man verstehen warum er mich nicht eingeladen hat. Hinzu kam dann noch wie ich spiele: Ich schmeiße wilde Dreier drauf, die ich zwar manchmal auch treffe, aber nichtsdestotrotz bekam man dann halt das Bild: Der ist irgendwie wild. Insofern habe ich mir das immer selbst zugeschrieben. Ich habe mir gesagt: Naja, du musst jetzt halt in den sauren Apfel beißen, für die Fehler die du außerhalb des Feldes gemacht hast. Deshalb hat mich die Nominierung wirklich sehr gefreut. Ich habe gar nicht daran geglaubt, dass es jetzt so weit ist. Ich war auch immer vorsichtig, wenn es um die EM ging. Noch war ich ja nicht dort. Noch waren wir im Vorbereitungsspiel. Als es dann wirklich geklappt hat, war es echt super und ich habe mich sehr gefreut.
Inwiefern hast Du Dich und Dein Spiel durch die Spiele für die Nationalmannschaft, inklusive der erfolgreichen Teilnahme an der Europameisterschaft, weiterentwickelt?
Man kann kaum beschreiben, wie sehr mir das als Spieler weitergeholfen hat, wie das meinen Basketballhorizont erweitert hat. Dirk Bauermann hat wirklich einen sehr großen Anteil daran, weil er mich einfach permanent auf Sachen hinweist und sie so erklärt, dass ich sie auch verstehe. Ich glaube, wenn ich früher nicht so viel Scheiße gebaut hätte und eher zur Nationalmannschaft gekommen wäre, dann wäre ich als Spieler jetzt viel weiter. Aber es ist so gekommen wie es gekommen ist und es hat mir sehr geholfen mich weiterzuentwickeln.
Nach der tollen EM und der starken Saison, die Du im Moment spielst, bist Du für die WM fest gesetzt. Eure Gruppe ist mit den Gegnern Argentinien, Serbien, Australien, Angola und Jordanien nicht leicht. Was ist euch beim Turnier in der Türkei zuzutrauen und was sind Deine persönlichen Ziele?
Die Ziele gibt der Trainer vor. Außerdem wird es sehr davon abhängen ob Dirk Nowitzki und Chris Kaman mitspielen, oder ob einer von beiden mitspielt. Man weiß ja nie so genau, wie das alles ablaufen wird. Ich denke, in unserer Gruppe sind schwere Gegner. Angola kenne ich kaum, ich weiß nur, dass wir das letzte Mal gegen Angola, nach dem Wurf von Dirk, nach dreifacher Verlängerung gewonnen haben. Also ist das schon eine sehr gute Mannschaft, wenn auch eine der vermeintlich schwächsten der Gruppe. Jordanien habe ich noch nicht spielen sehen. Die anderen Mannschaften, Serbien, Australien und Argentinien, sind sowieso krass. Also das wird schon sehr schwer. Ich denke, wenn Dirk und Chris dabei sind, dann kann man vielleicht mehr erwarten, als wenn wir ohne sie spielen müssen.
Für wie wichtig hältst Du es, nicht nur aus spielerischen Gründen, sondern auch wegen der Popularität, dass Dirk Nowitzki bei der WM mit dabei ist?
Ich finde, Dirk Nowitzki ist der mit Abstand beste Spieler aller Zeiten aus Deutschland, ohne Detlef Schrempf zu nahe zu treten. Ich glaube, der würde mir da auch nicht wiedersprechen. Es wird wohl eine ganze Weile dauern bis wieder jemand aus Deutschland kommt, der so gut ist wie Dirk Nowitzki und auch so populär. Es gibt viele Leute, die keine Ahnung von Basketball haben, die noch nie ein Basketballspiel gesehen haben, die aber wissen wer Dirk Nowitzki ist. Dass Dirk jedes Ereignis, bei dem er dabei ist, populärer macht ist unbestritten. Wie wichtig er für die WM ist, weiß ich nicht. Nachdem was ich mitbekommen habe, war die Resonanz auf unser Team in Polen, obwohl wir das Viertelfinale nicht geschafft haben und knapp gescheitert sind, sehr gut. Die Leute haben das trotzdem positiv aufgenommen und fanden es toll wie wir gespielt haben. Insofern denke ich, dass sich die Leute auch ohne Dirk bei der WM für uns begeistern können, vorausgesetzt wir spielen vernünftig. Aber natürlich wäre mit Dirk Nowitzki alles noch populärer.
Was kommt nach Dirk?
Da kommen einige. Elias Harris hat ja die ganze Collegesaison über gezeigt wie gut er ist und wie gut er noch werden kann. Robin Benzing ist unbestritten. Ein großer Spieler, wer sich so bewegen kann. Beide müssen sich natürlich noch entwickeln. Sie haben Potential, aber man muss erst noch sehen wo sie hinkommen. Tibor Pleiß macht sich sehr gut in Bamberg, wie ich gesehen habe. Tim Ohlbrecht, der Typ ist auch erst 21 Jahre alt, aber man denkt, der ist schon so lange dabei. Insofern gibt es da schon ein paar Spieler in Deutschland, die nachkommen, die gut und auch noch jung sind. Ich glaube, es gibt noch viel mehr gute Spieler in den unteren Ligen Pro A, Pro B und NBBL, von denen man noch gar nichts weiß. Deswegen sage ich: Man sollte einfach die Quoten so schnell es geht erhöhen. Vielleicht nicht direkt in der nächsten Saison, aber dann in der darauf folgenden, denn jetzt wäre es zu knapp alle zu rekrutieren. Dann sollte man die 6 und 6 durchsetzen und ich glaube, damit könnte man dieses Produkt BBL auch wirklich gut verkaufen. Gleichzeitig würden auch die deutschen Spieler besser werden und die Nationalmannschaft. Das wäre einfach insgesamt für den Basketball in Deutschland gut. Ich weiß gar nicht wer darauf gekommen ist, dass die Sache mit den vielen Ausländern irgendjemandem hilft. Das ist einfach Unsinn. Das wird nichts bringen.
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2 Kommentare
Tolles Interview von beiden Seiten.
Toller Spieler.
Toller Mensch.
Sehr interessante Fragen und noch bessere Antworten. Kann da nur zustimmen was die Quote angeht. Hoffe das viele Verantwortliche solche Sachen auch lesen und darüber nachdenken. BB hat sowieso einen schweren
Stand in Deutschland. Hoffentlich wird es nicht ganz kaputt gemacht.
LG
Bjoern
Grandioses Interview mit einem der talentiertesten Aufbauspielern die Deutschland bisher hervorgebracht hat. Heiko Schaffartzik zeigt in diesem Interview das er nicht nur über Sachverstand verfügt sondern auch menschlich gereift ist.
Wirklich sympathischer Spieler dem ich nicht nur rals Streetballer nacheifere, sondern den man sich auch als Menschen zum Vorbild nehmen kann.
glg Chris